Der siebte Oktober, der neunte November, der siebenundzwanzigste Januar.
Drei sprachliche Wendungen, die in den letzten Monaten sehr häufig medial verwendet wurden.
So anscheinend selbstverständlich sie verwendet werden, so wichtig finde ich es über die Gründe und die Folgen ihrer Verwendung zu reflektieren.
Der 7. Oktober 2023 ist der Tag des Überfalls der Hamas und des Palästinensischen Islamischen Jihads auf Israel.
Der 9. November hat gleich mehrere Bedeutungen – die zwei wichtigsten:
Das Novemberpogrom 1938, die früher und leider auch noch bis in die 2000er Jahre hinein in einigen bayrischen Schulen so genannte „Reichskristallnacht“.
Der 9. November 1989, der Fall der Berliner Mauer.
Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die überlebenden Gefangenen des KZ Auschwitz-Birkenau.
Die Gründe der Verwendung und ihre Implikationen
In medialer Sprache ist häufig Kürze geboten: Der siebte Oktober und „man“ weiß Bescheid!
Diese „man“ muss natürlich hinterfragt werden. Ist das inklusive Sprache? Verständlich für Menschen die sich mit Zahlen generell nicht leicht tun aufgrund von Einschränkungen? Oder aufgrund von Zuwanderung, in der Herkunftskultur gibt es wahrscheinlich andere Schlüsseldaten.
Werden diese Chiffren so zum heimlichen Test für Intelligenz, Bildung oder Integration? „Wer dazugehören will, muss das doch verstehen!“ Wozu gehören? Sind interkulturell bedeutende oder gar Daten, die etwa für den globalen Süden bedeutsam sind, damit ausgeschlossen und wird damit eine Werte-Hierarchie im Sinne einer Leitkultur suggeriert?
Ich meine, und die drei Ereignisse an die so erinnert wird, machen das deutlich: Erinnerungskultur soll eine zentrale Rolle in Deutschland spielen. Gerade die Erinnerung an das Leid, das Jüd*innen im Deutschen Namen angetan wurde und das mit der Gewalt im Nahen Osten in Zusammenhang steht, muss benannt werden, weil es viel zu lange nicht benannt wurde. Und weil der Vormarsch Rechter Ideologien die Verteidigung der Demokratie dringend notwendig macht.
Wenn aber im jeweiligen Zusammenhang Umfragen zitiert werden, dass x% der Bürger*innen oder gar der Jugendlichen nicht wissen, was an diesen Tagen geschehen ist, so mag das auch eine Folge dieser sprachlichen Praxis sein.
Reaktion auf den Kulturkampf
Ein weiterer Aspekt eher assoziativer Natur ist die Überlegung, was „man“ sich erspart, wenn „man“ nur das Datum nennt. Bei der Benennung des Jahrestags, also etwa Pogrom oder Kristallnacht, wird ja womöglich eine Position sichtbar. Es könnte sein, dass in unsicheren Zeiten von zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung oder gar eines Kulturkampfes viele diese Positionierung fürchten. Ich finde, dass das Bemühen um angemessene, also verständliche, faire und inklusive Sprache Klarheit bringt und das Risiko so weit reduziert, dass ein Vermeiden jeglicher Positionierung überflüssig wird.
Im Training interkultureller Kompetenz und auch in den Formaten Supervision und Coaching versuche ich für Ursachen und Folgen der Verwendung von Sprache zu sensibilisieren.
