James Turrell: Beyond Horizons im Rahmen von Purple Path

Die Ausstellung findet im Rahmen von Chemnitz Kulturhauptstadt 2025 und dem Programm Purple Path statt. Der Ort ist die KohleWelt in Oelsnitz, genau die ehemalige Schmiede des Bergbaubetriebs, die vom Architekturbüro H2 by hendrik heine transformiert wurde.

Eine Gruppe von 15 Besuchern betritt in einer Linie den leeren Raum und es fühlt sich an wie dichter farbiger Nebel, kaum Konturen, nur reines Licht. Erst durch die Figuren gewinnt der Raum Gestalt. Reines Licht und pure Schönheit. Die Lichtrahmen an der Rückwand verändern ihre Farbe in Korrespondenz oder Kontrast zum Licht des Raumes, das übrigens ohne sichtbare Lichtquelle leuchtet. Alles ist gut und sehr schön und plötzlich, wir waren gewarnt worden, beginnt ein Stroboskop-Gewitter. Das Gehirn erzeugt zusätzlich farbige Objekte, konsekutiv und komplementär. Die weiterhin ruhig leuchtenden LED-Bänder werden scheinbar zu wild zuckenden, gleisenden Polarlichtern. Das Gewitter dauert gerade lange genug um es differenziert wahrzunehmen, aber nicht zu lange, sodass man Gleichgewicht und vielleicht das Bewusstsein verlieren könnte.
In den ruhigen Phasen beginnt man sich im Raum zu orientiert und versteht, dass die von der rechteckigen Rückwand ausgehenden Raumkanten sich zu Hohlkehlen verlaufen. Auch die Öffnung an der Rückwand hat durch Rundungen kaum Kontur. Das von der Öffnung ausgehenden Licht wird von speziellen Lacken so reflektiert, dass tatsächlich keine Quelle oder Richtung des Raumlichts mehr auszumachen ist.
Der wunderbar poetische und ebenso exakt die Situation beschreibende Titel „Beyond Horizons“ meint genau diese Abwesenheit von konturiertem Raum und die reine Anwesenheit von Licht. Das Spannungsfeld zu der Realität draußen, wo wir uns ständig im Raum orientieren und uns selbst verorten und identifizieren, ist im Kunstraum ins andere Extrem verkehrt.
Für viele Besucher*innen ist die Leere kaum auszuhalten. Sie posieren, machen Selfies, treten an den Abgrund lösen einen Warnton aus, betasten die Wände und die Rundungen.
Dieses Verhalten kenne ich aus dem Supervisions-Setting. Das ist inhaltlich ja auch gering strukturiert, vieles ist möglich und der Kontrast zur Arbeitswelt außerhalb des Supervisions-Raums bringt gelegentlich Supervisanden dazu, sich ihrer Identität zu versichern, Beziehungen auf ihre Tragfähigkeit zu überprüfen und Grenzen auszutesten.
James Turrell, 1943 in Los Angeles geboren macht mit dieser Licht-Raum-Installation deutlich, dass er zurecht ein minimalistischer „Bildhauer des Lichts“ genannt wird. Er schafft eine Situation, die den „umgebenden Raum und den Körper des Betrachtenden“ als „integralen Bestandteil, als Eins sieht“. Er nennt diese Räume „Ganzfelder“.

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